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User Experience: Das Nutzungserlebnis über alle Berührungspunkte gestalten

Alle Artikel, Usability

User Experience – kurz UX – beschreibt das gesamte Nutzungserlebnis, das Menschen mit einem digitalen Produkt, System oder Service verbinden. Dazu gehören nicht nur Bedienbarkeit und Oberfläche, sondern auch Erwartungen, Orientierung, Vertrauen, Rückmeldungen und die Wahrnehmung vor, während und nach der eigentlichen Nutzung.

Das klingt abstrakt, wird aber sofort konkret, wenn man einen typischen Vorgang verfolgt: Eine Mitarbeiterin bekommt Zugang zu einem neuen System. Sie sucht die richtige Funktion, findet sie nach dreimaligem Nachfragen, bearbeitet den Vorgang, bekommt eine Fehlermeldung, ruft die IT an, wartet, arbeitet weiter. Zwei Wochen später wiederholt sich derselbe Ablauf, weil sie sich den Weg nicht merken konnte.

Nur ein Bruchteil davon ist Bedienoberfläche. Der Rest sind Zugang, Auffindbarkeit, Rückmeldung, Hilfe, Wiedererkennbarkeit – und die Zeit dazwischen.

Dieser Artikel zeigt, welche Berührungspunkte das Erlebnis prägen, wie sich der Verlauf sichtbar machen lässt, was in Unternehmensanwendungen anders ist als bei Kundenprodukten und woran sich Wirkung messen lässt.

Inhaltsverzeichnis

  • Was zur User Experience gehört
  • Die Berührungspunkte im Verlauf
  • Journey Mapping: den Ablauf sichtbar machen
  • Was in Unternehmensanwendungen anders ist
  • Verbessern ohne Neubau
  • Wirkung messen
  • Fazit
  • FAQ zur User Experience

Was zur User Experience gehört

Drei Begriffe grenzen das Feld ab:

Begriff Reichweite
User Interface die sichtbare Oberfläche
Usability die Ausführbarkeit einzelner Aufgaben
User Experience das Erlebnis über den gesamten Nutzungsverlauf

User Experience umfasst damit sowohl funktionale als auch subjektive Aspekte. Ein System kann beispielsweise effizient bedienbar sein und trotzdem eine schlechte User Experience erzeugen, wenn Nutzer ihm nicht vertrauen, Rückmeldungen unklar bleiben oder Änderungen immer wieder Erwartungen durchbrechen.

Auch die German UPA beschreibt User Experience als das gesamte Nutzungserlebnis und grenzt sie damit von der stärker auf Benutzbarkeit fokussierten Usability ab.

Die dritte Ebene schließt die beiden anderen ein und geht darüber hinaus. Sie umfasst auch, was gar nicht im System stattfindet: die Einweisung, die Kollegin, die man fragt, das Handbuch, das niemand liest, die Wartezeit auf eine Freigabe.

Der praktische Nutzen dieser Unterscheidung liegt in der Ursachensuche. Klagt ein Fachbereich über ein System, ist die Ursache selten die Oberfläche. Häufiger liegt sie an einer Systemgrenze – dort, wo ein Vorgang von einer Anwendung in die nächste wechselt, wo eine Freigabe eingeholt oder eine Information manuell übertragen werden muss.

Wer nur die Oberfläche betrachtet, findet diese Stellen nicht. Sie liegen zwischen den Systemen, nicht in ihnen.

Wie Unternehmen User Experience gezielt gestalten – von Nutzerresearch über User Flows und Prototypen bis zur Umsetzung – zeigt der Beitrag „UX Design“. Die konkrete Gebrauchstauglichkeit einzelner Anwendungen vertieft der Beitrag „Usability“.

Die Berührungspunkte im Verlauf

Ein Nutzungserlebnis entsteht über mehrere Stationen, die selten gemeinsam betrachtet werden:

  • Zugang: Wie kommt jemand zum System? Wie lange dauert die Freischaltung?
  • Erstkontakt: Findet sich eine neue Person ohne Einweisung zurecht?
  • Regelnutzung: Wie viele Schritte braucht der häufigste Vorgang?
  • Sonderfall: Was passiert, wenn etwas nicht dem Standard entspricht?
  • Fehlerfall: Ist erkennbar, was schiefging und was zu tun ist?
  • Hilfe: Wen fragt man, und wie lange dauert die Antwort?
  • Wiederkehr: Erinnert man sich nach zwei Wochen an den Weg?
  • Veränderung: Was passiert nach einem Update – funktioniert das Gewohnte noch?

Wiederkehr und Veränderung werden in der Praxis leicht übersehen, obwohl sie die langfristige Wahrnehmung eines Systems deutlich prägen können.

Wiedererkennbarkeit entscheidet über den Aufwand bei allem, was nicht täglich vorkommt. Ein Vorgang, der einmal im Quartal anfällt, muss jedes Mal neu erschlossen werden, wenn der Weg dorthin nicht naheliegend ist. Das erzeugt genau die Rückfragen, die als „Schulungsbedarf" verbucht werden.

Veränderung ist der Punkt, an dem Vertrauen entsteht oder verloren geht. Ändert ein Update gewohnte Abläufe ohne Vorankündigung, entsteht Unsicherheit, die weit über die eigentliche Änderung hinausreicht. Anwender werden vorsichtiger, probieren weniger aus und weichen häufiger auf bekannte Umwege aus.

An jedem dieser Berührungspunkte entsteht nicht nur Aufwand, sondern auch Wahrnehmung. Nutzer bilden beispielsweise Erwartungen darüber, ob ein System verlässlich, nachvollziehbar und vertrauenswürdig ist. Eine einzelne schlechte Erfahrung kann deshalb spätere Nutzung beeinflussen, selbst wenn der konkrete Fehler längst behoben wurde.

Journey Mapping: den Ablauf sichtbar machen

Journey Mapping bildet einen Vorgang von Anfang bis Ende ab – aus Sicht der Person, die ihn durchläuft, nicht aus Sicht des Systems.

Der Unterschied ist wesentlich. Ein Prozessdiagramm beschreibt vor allem Abläufe, Rollen und Prozessschritte. Eine User Journey ergänzt diese Sicht um die Perspektive der nutzenden Person: Wo wartet sie, wo entstehen Unsicherheit und Rückfragen, wo verlässt sie das System und welche Erfahrung entsteht entlang des gesamten Vorgangs?

So entsteht eine Journey:

  1. Vorgang auswählen – einen konkreten, häufigen, mit klarem Anfang und Ende
  2. Stationen aufnehmen, gemeinsam mit den Personen, die den Vorgang tatsächlich durchführen
  3. Je Station festhalten: Was wird getan, welches System ist beteiligt, wie lange dauert es, was ist unklar?
  4. Brüche markieren: Systemwechsel, Wartezeiten, Rückfragen, manuelle Übertragungen
  5. Priorisieren nach Häufigkeit und Wirkung
  6. Maßnahmen ableiten, je Maßnahme mit verantwortlicher Person und Termin

Besonders aufschlussreich ist das Markieren der Brüche. Gerade an Systemwechseln, Wartezeiten und manuellen Übergaben werden häufig Verbesserungspotenziale sichtbar.

Wichtig für die Praxis: Eine Journey muss nicht aufwendig gestaltet sein. Eine Papierrolle an der Wand und Karten für die Stationen genügen. Was zählt, ist die gemeinsame Aufnahme mit den Beteiligten – nicht das Dokument, das dabei entsteht.

Für die anschließende Umsetzung gilt dieselbe Reihenfolge wie bei jeder Prozessarbeit: erst verstehen und vereinfachen, dann digitalisieren. Wie sich das methodisch einordnet, behandelt der Beitrag zum Prozessmanagement im Mittelstand.

Die DIPS GmbH begleitet Unternehmen bei solchen Aufnahmen und übersetzt die Ergebnisse in konkrete Anforderungen – für die Weiterentwicklung bestehender Systeme ebenso wie für die Auswahl neuer.

Mitarbeiterin wechselt bei einem Vorgang zwischen zwei getrennten Anwendungen

Was in Unternehmensanwendungen anders ist

Der überwiegende Teil der verfügbaren UX-Literatur bezieht sich auf Produkte für Endkunden. In internen Anwendungen gelten teils gegenläufige Regeln:

 

Kundenprodukt

Unternehmensanwendung

Nutzung

freiwillig, sporadisch

verpflichtend, täglich

Rückmeldung

Abbruch, Bewertung

keine, nur Gewöhnung

Ziel

Einfachheit für Erstnutzer

Effizienz für Fachleute

Funktionsumfang

reduzierbar

fachlich vorgegeben

Auswahlentscheidung

trifft die nutzende Person

trifft eine andere Person

Die letzte Zeile erklärt vieles. Wer über die Anschaffung entscheidet, arbeitet meist nicht täglich damit. In der Auswahl zählen deshalb Funktionslisten und Preise – Kriterien, die nichts darüber aussagen, wie viele Schritte der häufigste Vorgang braucht.

Die vierte Zeile ist die häufigste Fehlerquelle bei gut gemeinten Verbesserungen. Eine Unternehmensanwendung lässt sich nicht durch Weglassen vereinfachen, weil die Funktionen fachlich gebraucht werden. Der richtige Weg ist Ordnen nach Häufigkeit: Was täglich vorkommt, gehört nach vorn; was selten gebraucht wird, darf einen Schritt weiter hinten liegen – aber es muss auffindbar bleiben.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Zielgruppe innerhalb des Unternehmens. Was für die Buchhaltung sinnvoll ist, behindert den Vertrieb. Rollenspezifische Ansichten wirken deshalb meist besser als ein Kompromiss, der für alle gleich unpassend ist.

Fachbereich und IT streichen gemeinsam einen überflüssigen Arbeitsschritt

Verbessern ohne Neubau

Ein vollständiger Systemwechsel ist selten die richtige Antwort auf Nutzungsprobleme – und fast nie die schnellste. Wirksam sind in dieser Reihenfolge:

  1. Schritte entfernen. Die günstigste Verbesserung ist der Vorgang, der entfällt. Prüfen Sie bei jedem Schritt: Wird das Ergebnis tatsächlich verwendet? Häufig existieren Freigaben, die niemand mehr auswertet.
  2. Wege verkürzen. Häufige Vorgänge direkt erreichbar machen, statt sie über mehrere Ebenen zu verstecken.
  3. Sprache angleichen. Bezeichnungen so wählen, wie der Fachbereich spricht, nicht wie die Datenbank heißt.
  4. Was in den meisten Fällen gleich ist, sollte voreingestellt sein.
  5. Rückmeldung geben. Erwartungen stabilisieren. Wiederkehrende Funktionen, Begriffe und Abläufe sollten konsistent bleiben. Änderungen sollten nachvollziehbar kommuniziert werden, damit Nutzer vorhandenes Wissen weiterverwenden können.
  6. Übergaben glätten. An Systemgrenzen Informationen automatisch übernehmen, statt sie abtippen zu lassen.

Das Glätten von Übergaben kann besonders wirksam sein, ist jedoch oft anspruchsvoller, weil mehrere Systeme und Zuständigkeiten betroffen sind.

Wo sich Übergaben nicht glätten lassen, ist der Schritt zur Prozessautomatisierung der nächste sinnvolle.

Wirkung messen

Ohne Messung bleibt UX eine Geschmacksfrage. Aussagekräftig und mit vertretbarem Aufwand erhebbar:

Kennzahl

Was sie zeigt

Durchlaufzeit des Vorgangs

Gesamtwirkung über alle Stationen

Anzahl Systemwechsel je Vorgang

Brüche im Ablauf

Rückfragen und Supportanfragen

was nicht selbsterklärend ist

Abbruch- und Korrekturquote

wo Anwender scheitern

Einarbeitungsdauer neuer Personen

Verständlichkeit insgesamt

Nutzungsgrad einzelner Funktionen

ob etwas überhaupt gefunden wird

subjektive Bewertung

wahrgenommene Einfachheit, Vertrauen oder Zufriedenheit


Erheben Sie den Ausgangswert vor der Änderung.
Ohne ihn lässt sich keine Verbesserung belegen – und die nächste Investition wird schwerer zu begründen.

Ergänzend lohnt eine einfache qualitative Frage an die Beteiligten, ein bis zwei Monate nach einer Änderung: Was ist jetzt leichter, was ist umständlicher geworden? Die zweite Hälfte der Frage liefert regelmäßig die wertvolleren Antworten, weil Verschlechterungen sonst selten von selbst gemeldet werden.

Wichtig ist die Verbindung zur wirtschaftlichen Argumentation: Eine eingesparte Minute je Vorgang, hochgerechnet auf die Vorgangszahl im Jahr, ist die Zahl, die in der Budgetdiskussion trägt.

Fazit

User Experience ist mehr als die Oberfläche. Sie entsteht über den gesamten Verlauf – von der Freischaltung über die tägliche Nutzung bis zur Frage, ob man sich nach zwei Wochen noch an den Weg erinnert.

Drei Erkenntnisse sind besonders wichtig: Viele Reibungsverluste entstehen an Übergängen zwischen Systemen, Rollen und Prozessschritten – nicht nur innerhalb einzelner Masken. Interne Anwendungen folgen zudem anderen Anforderungen als Kundenprodukte: Bei häufig genutzten Unternehmensanwendungen gewinnt Effizienz für erfahrene Fachanwender oft stärker an Bedeutung als maximale Einfachheit für Erstnutzer. Gleichzeitig lässt sich der Funktionsumfang meist nicht beliebig reduzieren.

Und: Eine bessere User Experience erfordert nicht automatisch einen Systemneubau. Bereits das Entfernen unnötiger Schritte, kürzere Wege, verständlichere Begriffe, konsistente Rückmeldungen und besser gestaltete Übergaben können den Nutzungsablauf spürbar verbessern.

Die DIPS GmbH unterstützt Unternehmen dabei, digitale Abläufe und Systeme ganzheitlich weiterzuentwickeln. Gemeinsam werden Nutzungsprobleme, Prozessbrüche, Anforderungen und technische Rahmenbedingungen analysiert, Verbesserungspotenziale priorisiert und in umsetzbare Maßnahmen überführt. Dabei kann DIPS sowohl bei der Optimierung bestehender Anwendungen als auch bei neuen Systemen, Prozessanpassungen und der strukturierten Umsetzung unterstützen.

FAQ zur User Experience

Was ist User Experience?

User Experience umfasst das gesamte Erlebnis mit einem digitalen System – von Zugang und Erstkontakt über die tägliche Nutzung bis zu Fehlerfällen, Hilfe und Veränderungen durch Updates. Sie schließt Oberfläche und Bedienbarkeit ein, reicht aber deutlich darüber hinaus.

Worin unterscheiden sich UX, Usability und UI?

Das User Interface ist die sichtbare Oberfläche. Usability betrifft die Ausführbarkeit einzelner Aufgaben. User Experience umfasst das Erlebnis über den gesamten Nutzungsverlauf, einschließlich dessen, was außerhalb des Systems stattfindet.

Was ist Journey Mapping?

Journey Mapping bildet einen Vorgang von Anfang bis Ende aus Sicht der nutzenden Person ab. Anders als ein Prozessdiagramm zeigt es, wo gewartet, nachgefragt oder auf Umwege ausgewichen wird. Die größten Potenziale liegen meist an den markierten Brüchen zwischen Systemen.

Warum gelten in Unternehmenssoftware andere Regeln?

Die Nutzung ist verpflichtend statt freiwillig, es gibt keine Abbruchquote als Rückmeldung, und Anwender sind Fachleute mit täglicher Nutzung. Effizienz zählt deshalb mehr als Einfachheit. Zudem entscheidet über die Anschaffung meist eine Person, die nicht täglich damit arbeitet.

Wie lässt sich UX ohne Systemwechsel verbessern?

Durch das Entfernen überflüssiger Schritte, kürzere Wege zu häufigen Vorgängen, Bezeichnungen in der Sprache des Fachbereichs, sinnvolle Vorbelegungen, klare Rückmeldungen und die Glättung von Übergaben zwischen Systemen. Die Glättung von Übergaben kann besonders wirksam sein, ist aber oft anspruchsvoller, weil mehrere Systeme und Zuständigkeiten betroffen sind.

Wie misst man User Experience?

Über Durchlaufzeit des gesamten Vorgangs, Anzahl der Systemwechsel, Rückfragen, Abbruch- und Korrekturquote sowie Einarbeitungsdauer. Entscheidend ist die Erhebung eines Ausgangswerts vor der Änderung, ergänzt um die Frage, was seither leichter und was umständlicher geworden ist.

Was beeinflusst die User Experience?

Die User Experience wird unter anderem durch Bedienbarkeit, Erwartungen, Verständlichkeit, Vertrauen, Geschwindigkeit, Rückmeldungen, Hilfeangebote und die Übergänge zwischen verschiedenen Systemen oder Kontaktpunkten beeinflusst. Entscheidend ist nicht nur ein einzelner Screen, sondern das gesamte Erlebnis vor, während und nach der Nutzung.

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